Niemanden zurücklassen
14. Juni 2020

Jetzt, wo manch Einer so rumspringt, als wäre nichts gewesen, wird dringlich, an die in den letzten Monaten so oft beschworene Solidarität zu erinnern. Deswegen haben wir Briefe geschrieben an: die Bundeskulturministerin, den bayerischen Kulturminister, den Bezirkstgspräsidenten von Oberbayern und den Geschäftsführer des Deutschen Kulturratees. Nicht mit noch einer Forderung nach Unterstützung, sondern um aufmerksam zu machen auf Kreative aller Sparten mit Einschränkungen. Hier unser Schreiben:

„Sehr geehrte Frau Staatsministerin Grütters, bei allen Wortmeldungen von Kulturschaffenden zur Notwendigkeit staatlicher Hilfe für die Kultur kommt eine Gruppe nicht vor: nämlich diejenige mit Einschränkungen aller Art, seien es körperliche, psychische oder geistige Behinderungen oder schlicht das Alter. Dabei brauchen gerade sie Solidarität besonders dringlich.

Heute wenden wir uns deshalb genau in dieser Sache an Sie, um für das besondere Schutzbedürfnis von KünstlerInnen mit Behinderungen in allen Sparten zu sensibilisieren. Wir von Impulsion sind als gemeinnütziger Verein ein in München ansässiges Netzwerk aus Kulturschaffenden, das sich für die Bereicherung durch inklusive Kunst stark macht.

Die Corona-Krise ist Auslöser und Katalysator für eine besorgniserregende Entwicklung: Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention gerät ins Stocken, Inklusion entwickelt sich zurück zu Exklusion. Das sind die Erfahrungen, die KünstlerInnen mit Behinderung derzeit machen. Sie haben es zunehmend schwer, sich überhaupt Gehör zu verschaffen und wahrgenommen zu werden.

Deswegen finden ihre Belange keine Berücksichtigung bei der Diskussion um Ausfallpläne und Notfallprogramme. Dies betrifft nicht nur das Betätigungs- und Arbeitsfeld der betroffenen KünstlerInnen, sondern darüber hinaus auch deren Teilhabemöglichkeiten als RezipientInnen. Damit verstärkt sich die ohnehin schon bestehende Ungleichheit weiter. Vorhandene Barrieren werden noch unüberwindbarer als vor der Pandemie. Die Isolation, nicht nur in Einrichtungen der Behindertenhilfe, nimmt dramatische Formen an.

Die geltenden Hygienemaßnahmen schließen in vielen Fällen zusätzlich aus, beispielsweise Blinde und Gehörlose. Für viele Menschen mit Lernschwierigkeiten gibt es oft keine verständlichen Erklärungen. Die Verlegung von Angeboten in den digitalen Kulturraum ist meistens alles andere als barrierefrei und schafft neue Ausgrenzung.

So wird in Kauf genommen, dass marginalisierte Gruppen noch weiter von der Bereicherung des Kulturlebens abgeschnitten werden. Sie, die Schwächeren unter uns, sind es doch, die eigentlich als Erstes in den Blick genommen werden müssten! Leider jedoch sind die Prioritäten anders gelagert.

Wir bitten Sie deshalb, bei allen Maßnahmen zur Stärkung des Kulturlebens die besonders gefährdete Gruppen der KünstlerInnen und Kreativen mit Behinderung nicht zu übersehen und sich weiterhin für diese einzusetzen. Hier sind besondere Hilfen, Sensibilisierung und Solidarität gefragt. Sehr gerne und jederzeit stehen wir für Gespräche zur Verfügung, um mögliche Auswege aus dieser Krise gemeinsam mit Ihnen zu diskutieren.

Mit freundlichen Grüßen“