Gedanken zur stillen Zeit
11. Dezember 2020

„Vielleicht wird es dieses Jahr ja wirklich mal etwas mit der staden Zeit,“ meinte eine Kollegin kürzlich schmunzelnd am Telefon. Tatsächlich scheint sich zum Jahresende nun so etwas wie ein kollektiver Rückzug einzustellen. Doch sind in dieser vermeintlich adventlichen Stille, die nicht zuletzt aus den verordneten Pandemiemaßnahmen erwächst, sicherlich auch andere Stimmungen zu vernehmen. Da ist weniger Besinnlichkeit und Heimeligkeit zu spüren, sondern vielerorts offenkundig Ermüdung, Trauer und Frust zu bemerken.

Angesichts der wenigen Möglichkeiten und Kanäle, die einem im Besonderen als Kulturschaffender in den letzten Monaten in dieser Krise noch verblieben sind, erscheinen diese Gefühle mehr als berechtigt und nachvollziehbar. Umso heftiger hat es gewiss Münchner Künstler*innen und Kulturschaffende mit Beeinträchtigungen getroffen, die im Zuge der Corona-Beschränkungen nicht nur Aufträge verloren haben oder Auftritte absagen mussten. Neben ihrem beruflichen Wirken mussten viele von ihnen auch ihr privates Leben aus Vorsicht vor einer Ansteckung durch das Covid19-Virus seit Monaten sehr stark einschränken. Das verlangt nicht nur auf persönlicher Ebene jedem Einzelnen Einiges ab. Mit Blick auf die Entwicklungen von Kunst und Inklusion in dieser Stadt bedeutet dieser auferlegte Stillstand schließlich leider auch einen empfindlichen Rückschlag für die kulturellen Beiträge und Sichtbarkeit von  Künstler*innen mit Behinderungen.

Vielleicht hat das Gebot der Stunde, sich in diesen wie den kommenden Wochen einschränken zu müssen und sich nicht in der alljährlichen Vorweihnachtsumtriebigkeit aufzureiben tatsächlich etwas Gutes. Doch wollen wir hoffen, dass es in diesen Tagen nicht zu leise wird und Menschen mit Behinderungen – seien sie nun kulturschaffend oder nicht – nicht überhört und übersehen werden.

P.S.: Vor wenigen Tagen, am 3. Dezember, wurde wieder der internationale Tag der Menschen mit Behinderungen begangen. Dieser Gedenk- und Aktionstag soll der breiten Öffentlichkeit die Herausforderungen deutlich machen, denen Menschen mit Beeinträchtigungen tagtäglich begegnen. Er soll aufmerksam machen auf die Missstände und daran erinnern, dass gewiss noch sehr viel getan werden muss, dass Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Haben Sie das gewusst? Oder ist das schon in der Stille untergegangen? 

Kilian Ihler